Sie sind auf dem Weg in ein Konzert. An einer Straßenecke starren einige Menschen in den Himmel. Auch Sie schauen hoch. Warum? An einer Stelle im Konzert beginnt einer zu klatschen. Plötzlich klatscht der ganze Saal. Auch Sie. Warum? Der Grund könnte ein weit verbreiteter Denkfehler namens „Social Proof“ sein. Der fehlerhafte Gedanke ist, „Ich verhalte mich richtig, wenn ich mich so verhalte wie andere“. Oder „Je mehr Menschen eine Idee richtig finden, desto korrekter ist diese Idee“ – was absurd ist.*

Immer mehr Menschen finden, dass agiles Entwickeln, ein Ansatz aus der Software, für jede Art von Produkt oder Dienstleistung angewendet werden soll. Meist setzen sie agil mit der Methode Scrum gleich. Ob das wirklich funktioniert, bzw. wie der agile Ansatz angepasst werden muss, wurde von R.G. Cooper und Kollegen nun eingehend untersucht. Die Ergebnisse stellen wir in zwei Artikeln im CIMS Innovation Management Report dar:

CIMS How Agile Stage-Gate Work – Part 1
CIMS How Agile Stage-Gate Work – Part 2

Nachfolgend skizzieren wir die Essenz der Erkenntnisse:

Agile Methodik

… wird in der Praxis in Form von Sprints innerhalb der Stages eingesetzt. Wesentliche Unterschiede zum klassischen Scrum ergeben sich daraus, dass in Produktinnovationsteams nicht nur hauptberufliche Software-Entwickler am Werk sind sondern multifunktionale Teams zusammenarbeiten müssen, deren Mitglieder auch noch andere Aufgaben und Projekte haben.

  • Anstelle von 2-3 wöchigen Full-Time-Sprints macht es daher häufig mehr Sinn, 8- bis 12-wöchige Sprints mit Teams zu organisieren, deren Mitglieder nur 60-75% ihrer Zeit an dem Projekt arbeiten.
  • Standup Meetings des gesamten Teams finden nicht täglich sondern nur 2-3 mal pro Woche statt.
  • Nicht immer gibt es am Ende eines Sprints fertig entwickelte neue Features, die getestet werden könnten. Bewährt hat sich, in der Sprint Planung sorgfältige „Definitions of Done (DoD)“ zu erarbeiten. Das Testing besteht dann darin, die Ergebnisse mit der DoD abzugleichen.

Gates

Auch das Stage-Gate-System muss angepasst werden, will man die Vorteile der agilen Welt nutzen:
Gatekeeper müssen mit weit weniger vollständiger Information entscheiden, z.B. Entwicklungen freigeben mit einer nur halbfertigen Produktdefinition und einem Zeit- und Ressourcenplan, der sich wenige Wochen später stark verändern wird.

Rollen

Die in Scrum nicht existente Rolle des Projektleiters gibt es in den agilen Produktinnovationsprojekten sehr wohl, denn die funktionsübergreifenden Teilzeit-Teams brauchen mehr Koordination, und es hat sich als praktisch erwiesen, wenn eine Person die Fäden zusammenhält.

Die Scrum-Rolle „Product Owner“ birgt die Gefahr, dass Vorgaben und Entscheidungen dieser Person die so wichtige direkte Voice-of-Customer Forschung ersetzen oder dass sich ein neues Silo-Denken breitmacht (siehe dazu auch unseren Beitrag http://www.five-is.com/ist-agile-development-das-neue-silodenken). Entscheider und Ansprechpartner für das Team in Fragen, die während Sprints auftauchen, sind daher in vielen Unternehmen nach wie vor die Gatekeeper bzw. ein dem Projekt zugeteilter „Executive Sponsor“.

Vorteile eines agilen Stage-Gate-Systems

Anwender eines derartigen Systems verzeichnen

  • bessere Neuprodukte durch häufiges Kundenfeedback und Iterationen
  • stärkeren Teamgeist durch Selbstorganisation und tendenziell intensivere Kommunikation
  • schnellere Entwicklungen durch Fokus auf wenige Projekte, ausreichende Ressourcenausstattung und selbst auferlegten Zeitdruck

Was Scrum nicht löst

Für ein hochwertiges Projekteportfolio mit ausgewogener Risikoverteilung, das die strategischen Ziele und Schwerpunkte des Unternehmens abbildet, bedarf es nach wie vor eines effektiven Innovations-Portfolio-Managements. Dieses wiederum funktioniert nur, wenn im Stage-Gate-System die entsprechenden Daten generiert werden.

Fazit

Die Devise „Stage-Gate durch Scrum ersetzen“, könnte ein schwerer Denkfehler sein. Oder, um mit Rolf Dobelli* zu sprechen: „Wenn Millionen Menschen eine Dummheit behaupten, wird sie deswegen nicht zur Wahrheit.“

Führende Unternehmen nutzen agiles Projektmanagement im Rahmen eines Stage-Gate Prozesses nur für Neuprodukt-Projekte, die mit hoher Unsicherheit behaftet sind. Produktverbesserungen und -erweiterungen führen sie auf  klassische Weise durch.

Wenn Sie mehr über deren Erfahrungen lernen möchten, empfehlen wir Ihnen das Seminar „Winning at New Products“ mit Prof. Robert G. Cooper. Dieses findet am 15. und 16. Oktober 2019 in Darmstadt statt. Hier geht es zur Anmeldung.

* Rolf Dobelli (2015). Klar denken, klug handeln – 104 Denkfehler und Irrwege, die Sie besser Anderen überlassen.